Ablenkung hilft, Passivität schadet!
Mittelbayerische Sonntagszeitung - 23. Juli 2017

Ablenkung hilft, Passivität schadet!

INTERVIEW Autorin Melanie Khoshmashrab sprach mit dem Münchner Orthopäden und Wirbelsäulen-Spezialisten Dr. med. Martin Marianowicz über Ursachen und Behandlung von Rückenschmerzen – und bekam dabei überraschende und klare Antworten.

Herr Dr. Marianowicz, schenken wir der Gesundheit unseres Rückens im Alltag zu wenig Aufmerksamkeit?

Ja, eindeutig. Uns ist oft nicht bewusst, dass sich die Arbeitswelt in Bezug auf die Rückengesundheit deutlich verschlechtert hat. Das Bewusstsein kommt meist erst mit den Beschwerden. Die Ursachen liegen aber in der Vergangenheit, heißt, wie wir unseren Rücken gepflegt haben. Der Rücken braucht Bewegung und die wird ihm im Alltag oft verwehrt. Die moderne Arbeitswelt ist rückenschädlicher als die frühere. Heute sitzen Menschen in einigen Berufen rund zehn bis zwölf Stunden, ohne häufig aufzustehen. Ein körperlich arbeitender Mensch ist übrigens besser dran als jemand, der den ganzen Tag vorm Computer sitzt.

Ist die veränderte Arbeitswelt also eine der häufigsten Ursachen für Rückenleiden?

In zweierlei Hinsicht. Man darf nicht vergessen, dass „Rücken“ eine Zwei-Organ-Erkrankung ist. Veränderungen am Rücken bedeuten nicht auch zwingend, dass man Rückenschmerzen hat. Das heißt, wenn Sie Schmerzen haben, können Sie eine Ursache am Rücken haben – müssen Sie aber nicht. Der Mensch endet nicht am Hals. Bei 60 Prozent aller Menschen, die an chronischen Rückenschmerzen leiden, gibt es keinen Befund. Das erklärt das Organ, das immer beteiligt ist: das Gehirn. Schmerz wird erst durchs Gehirn überhaupt wahrgenommen. Selbstverständlich ist unsere Arbeitswelt dahingehend in einem Auslöse- und Verstärkungssystem. Schmerz wird verstärkt, ausgelöst und gemindert im Gehirn, nicht im Rücken. Er muss dann gar nicht mehr da sein. Der Schmerz wird vom Symptom zur Diagnose. In einem solchen System ist natürlich der Stress, die Überforderung, das Nicht-mehr-zur-Ruhekommen durch die modernen Medien, dieses Permanent-präsent-sein-müssen, genauso schmerzverursachend wie die schlechte Pflege des Rückens per se. Ein gestresstes Gehirn kann einen Schmerzreiz deutlich schlechter verarbeiten als ein entspanntes Gehirn. Es gibt kein Organ, an dem psychische Probleme so somatisieren wie am Rücken...

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